Aus­züge und Titel­bild aus „Bei­träge zur Lan­des­kunde“ des Staats­an­zei­gers für Baden-Württemberg vom April 1993.

 

Grenzen und Grenzsteinzeugen

 

Gren­zen sind hin­sicht­lich ihrer Funk­tion in heu­ti­ger Sicht Linien, Flä­chen oder Zonen, an denen Gebiete, Räume oder Grup­pen unter­schied­li­cher Zuge­hö­rig­keit oder ver­schie­de­ner Struk­tur anein­an­der tref­fen.
So etwa kann man die ver­schie­de­nen Aus­le­gun­gen zusam­men­fas­sen, die das Lexi­kon bie­tet. Die recht­li­che Defi­ni­tion eines Grund­stücks lau­tet: „Ein Grund­stück ist ein räum­lich abge­teil­tes Stück Erd­ober­flä­che, das mit einer eige­nen Num­mer ver­se­hen ist“.

 

In der Natur sind Grenz­li­nien und –flä­chen sel­ten scharf aus­ge­bil­det, wenn man von denen zwi­schen Boden, Was­ser und Luft absieht. Viel­mehr sind in ihr Über­gangs­zo­nen cha­rak­te­ris­tisch, in der Geo­gra­phie als „Grenz­gür­tel“ bekannt, so wie es die Wald– und Baum­grenze im Gebirge beson­ders augen­fäl­lig zeigt und auch Sprach­gren­zen bewei­sen. Sie bezeu­gen zudem, dass viele Arten von Gren­zen nicht fest sind, son­dern stän­di­gem Wan­del unter­lie­gen.

 

Nur wo es um Rechte an Flä­chen geht — um Besitz, Gerichts­bar­keit, Jagd, Weide, Fische­rei, müs­sen Grenz­li­nien nicht nur scharf, son­dern auch deut­lich erkenn­bar gezo­gen und bezeich­net sein, will man Streit­fäl­len vor­beu­gen. Die Gren­zen fest­zu­le­gen, sich um die Erhal­tung der Grenz­zei­chen zu küm­mern und Grenz­strei­tig­kei­ten zu berei­ni­gen, war Auf­gabe der Unter­gän­ger. Zu sol­chen wur­den stets nur beson­ders ver­trau­ens­wür­dige Per­so­nen gewählt, meist fünf oder sie­ben, die einen Eid leis­ten muss­ten und zur Ver­schwie­gen­heit ver­pflich­tet waren.
Als Unter­gang bezeich­nete man nicht nur die Kon­trolle der Grenze, son­dern auch das Feld­ge­richt, also das Gre­mium der Unter­gän­ger (Feld­rich­ter) und ihren Urteils­spruch.

 

Etwas ande­res war der Grenz­um­gang, zu dem man meist ein­mal im Jahr zusam­men­kam und an dem alle Orts­bür­ger, die älter als zwölf Jahre waren, teil­nah­men. Er sollte nicht nur den Anspruch auf das begrenzte Gebiet zum Aus­druck brin­gen, son­dern auch die Kennt­nis vom Ver­lauf der Gren­zen bewah­ren hel­fen. Dabei machte man sich bis ins 19. Jahr­hun­dert hin­ein zunutze, dass sich Men­schen ein beson­ders schö­nes oder beson­ders unan­ge­neh­mes Erleb­nis lange zu mer­ken pfle­gen. Des­halb ver­passte man den Buben an den Grenz­punk­ten eine gehö­rige Trachte Prü­gel, gab ihnen eine beson­ders ein­drucks­volle Beloh­nung oder trieb einen der­ben Spaß mit ihnen.

 

untergaenger  
Unter­gän­ger bei der Arbeit
Dar­ge­stellt ist eine Siebener-Kommission. Im Mit­tel­grund wird ver­mes­sen, vorne links ein Grenz­stein gesetzt, ganz rechts Pro­to­koll geführt.
Aus: Johann Judo­kus Beck, Voll­stän­di­ges Recht der Grän­zen und Mark­steine, 4. Auf­lage Nürn­berg 1754.
Auf­nahme: Würt­tem­ber­gi­sche Lan­des­bi­blio­thek.
 

 

Um zu ver­hin­dern, dass die Grenze durch unbe­ab­sich­tig­tes Ver­rü­cken eines Steins etwa beim Pflü­gen oder durch ein Fuhr­werk, durch mut­wil­li­ges Ver­set­zen oder gar durch Ent­fer­nen eines Grenz­steins ver­scho­ben wer­den konnte, sicher­ten die Unter­gän­ger den Stand­ort ver­mut­lich seit dem 14. Jahr­hun­dert durch geheime Kenn­zei­chen, die Grenz­zeu­gen, auch Gemerke genannt.

 

Dies waren nicht ver­rott­bare Gegen­stände wie Scher­ben, die an Ort und Stelle gebro­chen wur­den und sich wie­der zusam­men­fü­gen las­sen muss­ten. Aber auch Mün­zen, Zie­gel oder ähnl. Objekte, die Unter­gän­ger unter oder neben dem Grenz­stein in den Boden leg­ten, wur­den ver­wen­det.

 

Vom 19. Jahr­hun­dert an waren vor allem mit Wap­pen und/oder Buch­sta­ben gekenn­zeich­nete Zie­gel­mar­ken üblich. Sie konn­ten vier– oder drei­eckig, auch rund oder gar als spitze Kegel geformt sein. Wurde der Stein umge­ris­sen oder ent­fernt, so blieb der Grenz­punkt doch noch nach­weis­bar. Beim Ver­le­gen die­ser Zeu­gen durfte nie­mand außer den Unter­gän­gern zuge­gen sein. Ein nicht ver­zeug­ter Stein hatte keine Beweis­kraft.

 

Die grau­same Gerichts­bar­keit des Mit­tel­al­ters bestrafe das heim­li­che Ver­set­zen von Grenz­stei­nen auf der Feld­mar­kie­rung oft­mals mit dem Tode. Daher mag auch der Aus­druck stam­men, den noch heute manch schwä­bi­scher Bauer sagt, wenn er sich über einen Mit­men­schen ärgert: „Sot­ti­che hot mr frü­her nei­za­ckert“.

 

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