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Über­le­gun­gen zu Memo­ria und Pro­pa­ganda am Bei­spiel roma­ni­scher Fas­sa­den­re­liefs

Von Ulrike Kal­baum

 

Im Klos­ter­mu­seum von Hirsau befin­det sich ein recht­ecki­ges, skulp­tier­tes Frag­ment mit einer fast lebens­gro­ßen Figur in Hoch­re­lief, die mit ange­win­kel­ten Knien, gebeug­tem Rücken und zum Gebet erho­be­ner Hand von ihrer lin­ken Seite zu sehen ist. Ihr leicht erho­be­ner Kopf wird von einer Haar­tracht aus par­al­lel lie­gen­den Wül­sten bedeckt, die über den nicht mehr vor­han­de­nen Ohren enden. Aus­ge­sto­chene Pupil­len in kreis­run­den Augen, eine kräf­tige Nase und eine Kerbe als Mund geben dem läng­li­chen, spitz zulau­fen­den Gesicht ein star­res Aus­se­hen. Eine Ton­sur und ein Bart sind nicht zu erken­nen. Das unver­zierte, boden­lange Gewand, das die Gestalt trägt, weist weder eine Kapuze auf, noch wird es von einem Gür­tel gehal­ten. Wäh­rend es am Arm eng anliegt, lässt es den Rumpf wie auf­ge­bla­sen wir­ken und legt sich nur auf der Rück­seite unter­halb der Knie in vier wuls­tige Fal­ten. Die Kon­tu­ren des Kör­pers wir­ken dort, wo sie über­haupt zu erken­nen sind, ana­to­misch unbe­hol­fen: Der Hals ist über­längt, und der Ober­arm scheint zu feh­len, da der Unter­arm direkt in Höhe der Schul­ter ansetzt.

1 Hirsau frei
Hirsau Klos­ter­mu­seum: der „betende Mönch“
(Bild: Auto­rin)

 

Eine vor­sprin­gende Rah­men­kante zu den – nicht erhal­te­nen – Füßen des Beten­den dient als Stand­platte und ver­brei­tert sich zur rech­ten Seite. Bemer­kens­wert sind die über den Qua­der­rand hin­aus­ra­gen­den Fin­ger­spit­zen der erho­be­nen Hand. Wegen sei­nes Habi­tus und sei­ner erho­be­nen Hand wird der Dar­ge­stellte als „beten­der Mönch“ bezeich­net.

 

Der Stein ist circa 130 cm hoch, 65 cm breit und 42 (mit dem Relief der Figur 53) cm tief. Neben der beste­hen­den gro­ßen Aus­bruch­stelle am rück­wär­ti­gen Saum des Gewan­des wies er bei sei­ner Auf­fin­dung zahl­rei­che klei­nere Aus­brü­che und Absto­ßun­gen auf, die teil­weise ergänzt und über­malt wur­den. Im Gegen­satz zu den unebe­nen Sei­ten­flä­chen und der unre­gel­mä­ßig aus­la­den­den, unbe­ar­bei­te­ten Rück­seite wirkt seine auf­fal­lend glatte Ober­seite, die von den Fin­ger­spit­zen über­ragt wird, wie gesägt.

 

19281 wurde der Block am ehe­ma­li­gen Süd­west­turm der Peter und Pauls-Kirche des Klos­ters Hirsau zusam­men mit dem Frag­ment eines lie­gen­den Löwen aus­ge­gra­ben. Auf Grund des Fund­orts und ihres Bear­bei­tungs­stils, der Ähn­lich­kei­ten mit den Gestal­ten des ste­hen­den Nord­turms erken­nen lässt, wur­den die Skulp­tu­ren dem im 18. Jahr­hun­dert abge­bro­che­nen Süd­turm zuge­ord­net und als Beweis für des­sen Ver­zie­rung mit einem gleich­wer­ti­gen Figu­ren­fries, wie ihn der „Eulen­turm“ auf­weist, her­an­ge­zo­gen. Nur im Hin­blick auf die ursprüng­li­che Aus­rich­tung des Reli­efs bzw. des Beten­den fin­den sich unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen.

 

So ging Adolf Mett­ler, der den Stein bereits kurz nach der Auf­fin­dung in sei­nem 1928 erschie­ne­nen Kunst­füh­rer über Klos­ter Hirsau in einer Anmer­kung beschrie­ben hat, von einer ver­ti­ka­len Anbrin­gung aus: „Kürz­lich wurde am Fuße des Süd­turms ein Relief gefun­den, das nach Größe und Form als ein Mit­tel­stück aus dem ent­spre­chen­den Fries des zer­stör­ten Turms anzu­spre­chen ist. Es ist noch roher, ohne jedes orga­ni­sche Gefühl gear­bei­tet. Der Ober­kör­per der im Pro­fil gege­be­nen Figur beugt sich zurück, die Hände grei­fen nach oben, der untere Teil des Kör­pers ist zurück­ge­nom­men, die ganze Gestalt wie unter einer Last ein­ge­knickt. Die Haare und die Augen zei­gen die­selbe Behand­lungs­weise wie am Eulen­turm, aber Bart und Gür­tung des Gewands feh­len.“2 Zur Tätig­keit und zur Iden­ti­tät des Dar­ge­stell­ten äußerte er sich nicht.

 

Karl Grei­ner, in des­sen Gar­ten die bei­den Frag­mente gefun­den wur­den, deu­tete 1929 in sei­ner Geschichte des Klos­ters Hirsau den Beten­den als einen Novi­zen in welt­li­cher Klei­dung, da ihm Ordens­tracht, Bart und Ton­sur feh­len.3 Sei­ner Mei­nung nach macht der Novize, der halb­kni­end die Hände wie betend nach oben stre­cken würde, eine spe­zi­elle Form der Ver­beu­gung, die in den Con­sti­tu­tio­nes Hirsau­gi­en­ses als „ante et retro“ bezeich­net wird. Er zog in Erwä­gung, dass am Süd­turm – in Ana­lo­gie zum Nord­turm mit den Lai­en­brü­dern, die sei­ner dama­li­gen Auf­fas­sung zufolge ver­schie­dene Tätig­kei­ten aus­füh­ren – der Dienst der Mön­che zu sehen war. Da er den Beten­den als halb­kni­end und sich ver­beu­gend umschrieb, ging er offen­bar von sei­ner hori­zon­ta­len Aus­rich­tung aus.

2 Hirsau frei
Hirsau, Klos­ter­mu­seum: der „betende Mönch“ in hori­zon­ta­ler Aus­rich­tung (Bild: Auto­rin)
 

In einer Schrift von 1934, in der Karl Grei­ner den Figu­ren­fries am Nord­turm astro­no­misch zu deu­ten ver­suchte, beschrieb er den Stein mit der „mensch­li­chen Gestalt“ nur noch und ver­warf in einer Anmer­kung seine zuvor ver­mu­tete Deu­tung.4 Richard Stro­bel, der die roma­ni­sche Bau­plas­tik in der 1991 erschie­ne­nen Jubi­lä­ums­aus­gabe zur Hirsauer Klos­ter­kir­che bear­bei­tet hat, sah in der auf Fern­sicht ange­leg­ten Skulp­tur – dem „soge­nann­ten beten­den Mönch“ – ein Gegen­stück zu den Mit­tel­fi­gu­ren am Nord­turm, da er die vor­sprin­gende Kante zu ihren Füßen als Stand­platte deu­tete, die eine ursprüng­lich auf­rechte Anbrin­gung bele­gen würde. Gleich­wohl räumte er ein, dass die Hal­tung der Gestalt an eine Pro­sky­nese Erkl. erin­nern würde.5

 

Im Füh­rer des Klos­ter­mu­se­ums Hirsau aus dem Jahre 1998 wurde der Betende von Bri­gitte Herrbach-Schmidt und Clau­dia Wes­ter­mann als Mönch bezeich­net und die Ver­mu­tung geäu­ßert, dass auch er Teil eines Figu­ren­frie­ses am Süd­turm war.6 Auf die Dis­kre­panz zwi­schen der gebräuch­lich gewor­de­nen Bezeich­nung „beten­der Mönch“ und der Klei­dung der Gestalt, die wesent­li­che Merk­male eines Mönchs­ge­wan­des ver­mis­sen lasse, wies Richard Stro­bel in sei­nem Kata­log­bei­trag zur Canossa-Ausstellung 2006 hin.7 Wegen sti­lis­ti­scher Ähn­lich­kei­ten der Skulp­tur mit den bär­ti­gen Mit­tel­fi­gu­ren des Nordturm-Frieses zog er eine ent­spre­chende Stelle am abge­tra­ge­nen Süd­turm als Anbrin­gungs­ort in Erwä­gung. Dar­über hin­aus setzte Stro­bel erst­mals die ein­fach gear­bei­tete, betende Gestalt in Bezie­hung zum Auf­trag­ge­ber, dem Reform­klos­ter Hirsau, das sich maß­geb­lich dem Gebet und dem Toten­ge­dächt­nis gewid­met habe.

 

In mei­ner 2011 erschie­ne­nen Dis­ser­ta­tion über Tym­pana Erkl. in Süd­west­deutsch­land habe ich die Kör­per­hal­tung der kni­en­den und beten­den Gestalt als Pro­sky­nese inter­pre­tiert, die nicht ohne einen Bezugs­ge­gen­stand auf­wärts ins Leere, son­dern vor einer anbe­tungs­wür­di­gen Per­son aus­ge­führt wor­den sein muss.8 Folg­lich habe ich ver­mu­tet, dass der Betende ursprüng­lich waa­ge­recht ange­ord­net war. Da pros­ter­nie­rende Erkl. Gestal­ten in der roma­ni­schen Bau­plas­tik vor­wie­gend an Tym­pana ver­brei­tet waren und das ehe­ma­lige West­por­tal der Peter und Pauls-Kirche eine ent­spre­chende Größe auf­wies, habe ich in Erwä­gung gezo­gen, dass der Stein ein Teil des ehe­ma­li­gen Tym­pa­nons vom West­por­tal war und die ver­meint­li­che Stand­platte somit ein Rest der Bogen­feld­rah­mung. Den Dar­ge­stell­ten habe ich auf Grund sei­ner Klei­dung als Laien gedeu­tet, bei dem es sich in Ana­lo­gie zu ande­ren Knie­fi­gu­ren um einen Stif­ter oder den aus­füh­ren­den Künst­ler gehan­delt haben könnte.

 

Da die 1091 geweihte Peter und Pauls-Kirche ein­schließ­lich ihrer Vor­halle und des Süd­turms nicht mehr steht, lässt sich wohl nie mehr ein­deu­tig klä­ren, woher diese Skulp­tur ursprüng­lich stammt. Den­noch erscheint es loh­nend, anhand von Ver­gleichs­bei­spie­len aus der roma­ni­schen Bau­skulp­tur zu über­le­gen, wo der Betende ange­bracht gewe­sen sein könnte, in wel­chen Kon­text er gehört haben kann, wer der Dar­ge­stellte und wer der Auf­trag­ge­ber war und wel­che Absich­ten mit ihm mög­li­cher­weise ver­folgt wur­den.

 

 


 

 

Der Anbrin­gungs­ort

 

Der Fund­ort „am Fuße des Süd­turms“, wie Mett­ler schreibt, und die große recht­eckige Qua­der­form des Steins mit der mensch­li­chen Gestalt, die sti­lis­tisch in eini­gen Details Ähn­lich­kei­ten mit den Figu­ren am Nord­turm hat, lässt eine Her­kunft vom Süd­turm zwar ver­mu­ten, doch bewie­sen ist diese nicht. Die vor­sprin­gende Kante zu Füßen des Beten­den, die Stro­bel als Stand­platte inter­pre­tierte und als Beleg für eine ehe­mals auf­rechte Anbrin­gung her­an­zog, fin­det sich bei den Skulp­tu­ren des Nord­turms9 bei­spiels­weise nicht, denn diese ste­hen auf sepa­ra­ten Gesims­blö­cken. Zudem las­sen die wie gesägt erschei­nende Ober­seite des Frag­ments und die über die Flä­che ragen­den Fin­ger ver­mu­ten, dass der Stein in jün­ge­rer Zeit bear­bei­tet wor­den ist.

 

Wel­cher Bereich am Kir­chen­ge­bäude käme neben dem ehe­ma­li­gen Süd­turm über­haupt noch für die Ver­wen­dung einer reli­e­fier­ten, ganz­fi­gu­ri­gen, lebens­gro­ßen Gestalt in Frage, vor­aus­ge­setzt sie ent­stand, wie es für die Skulp­tu­ren des Nord­turms ange­nom­men wird, um 1120? Ver­gleichs­bei­spiele zu benen­nen, nicht nur für einen Turm­fries10, fällt schwer, da skulp­tier­ter figür­li­cher Bau­schmuck in und an süd­west­deut­schen Kir­chen über­wie­gend erst ab 1100 ein­ge­setzt wurde.

 

Sicher aus dem Inne­ren der roma­ni­schen Micha­els­ka­pelle der Burg Hohen­zol­lern stam­men drei circa 160 cm hohe Reli­efs11 mit zwei fron­tal ste­hen­den Hei­li­gen – viel­leicht die Apos­tel Petrus und Johan­nes – sowie Michael als Dra­chen­kämp­fer über den Hei­li­gen drei Köni­gen vor der thro­nen­den Madonna, die heute in den Sei­ten­wän­den des spät­go­ti­schen Nach­fol­ge­baus ver­mau­ert sind. Die ursprüng­li­che Anord­nung und Zuge­hö­rig­keit der ver­mut­lich um 1120 ent­stan­de­nen Reli­efs, die den Rest eines grö­ße­ren Bild­pro­gramms dar­stel­len, sind genauso unge­klärt wie bei der Hirsauer Skulp­tur. Über­lie­fert ist dage­gen eine skulp­tierte Deko­ra­tion mit lebens­gro­ßen, fron­tal ste­hen­den Gestal­ten für das Hl. Grab in der ehe­ma­li­gen Damen­stifts­kir­che St. Cyriak in Gernrode/­Sach­sen-Anhalt12 aus dem ers­ten Drit­tel des 12. Jahr­hun­derts oder für die spät­ro­ma­ni­schen Chor­schran­ken im Bam­ber­ger Dom13 aus der Zeit um 1220/30, die ältere Werke wie die um 1100 datierte Apos­tel­ta­fel im Bas­ler Müns­ter14 zum Vor­bild hat­ten. Für die Ver­wen­dung kni­en­der Figu­ren kön­nen auch stei­nerne Altar­re­ta­bel in Erwä­gung gezo­gen wer­den wie das erhal­tene Exem­plar von St. Ser­va­tius in Maas­tricht15, das die demuts­voll auf einem Bein kni­en­den Hei­li­gen Petrus und Ser­va­tius zeigt, die von dem in der Mitte thro­nen­den Chris­tus gekrönt wer­den.

 

7 Alpirsbach ba

Alpirs­bach, ehem. Klosterkirche:Tympanon des West­por­tals (Bild: Wischer­mann, Abb. 55)

 

Am Außen­bau von Kir­chen fin­det sich zunächst vor allem an der Fas­sade, ins­be­son­dere an den Por­ta­len, reli­e­fier­ter Bau­schmuck mit mensch­li­chen Gestal­ten. Als Bei­spiel ist das hoch­recht­eckige Relief mit dem thro­nen­den Chris­tus in der Vor­halle von St. Emmeram in Regens­burg16 zu nen­nen, das auf Grund sei­ner Inschrift in die Zeit um 1050 datiert wer­den kann. Wei­tere Bei­spiele sind das ver­mut­lich um 1150 ent­stan­dene Tym­pa­non von Klos­ter Alpirs­bach17 (oben), das zwei kni­ende Per­so­nen im Pro­fil mit zum Gebet erho­be­nen Hän­den zu bei­den Sei­ten des thro­nen­den Chris­tus zeigt, oder das Haupt­por­tal der 1180 geweih­ten Klos­ter­kir­che von Peters­hausen/Baden-­Würt­temberg18 mit den Figu­ren von Bischof Geb­hard II. als Klos­ter­grün­der und Papst Gre­gor dem Gro­ßen als Patron im Gewände.

 

8 Hirs Rekonstr Westportal ba

Hirsau, ehem.Klosterkirche St. Peter und Paul: Rekon­struk­tion des West­por­tals (Bild: Auto­rin)

 

    9 Cluny III  Westportal ba

Als ehe­ma­li­ger Anbrin­gungs­ort des Hirsauer Frag­ments kann daher auch das Tym­pa­non des West­por­tals der Klos­ter­kir­che St. Peter und Paul19 (oben) in Erwä­gung gezo­gen wer­den, das eine lichte Weite von annä­hernd 3 m und eine Tiefe von 1,25 m auf­wies,20 das heißt, die für ein Bogen­feld unge­wöhn­li­che Tiefe des Hirsauer Frag­ments von etwa 42 cm muss nicht gegen eine ehe­ma­lige Ver­wen­dung als Teil eines Tym­pa­nons spre­chen.21 Auch am West­por­tal der ab 1088 erbau­ten Klos­ter­kir­che von Cluny III (rechts) war das laut Ken­neth J. Con­ant aus einem Block beste­hende, 5,60 m breite und 3,25 m hohe Tym­pa­non mög­li­cher­weise ebenso tief wie der 39 cm starke Tür­sturz.22 Ein wei­te­res Indiz für die Her­kunft von einem Por­tal könnte zudem die sich nach rechts ver­brei­ternde Stand­platte des Steins sein, bei der es sich viel­leicht um den Rest einer Bogen­feld­rah­mung han­delt.

 

 

 

 

Cluny, ehem. Klos­ter­kir­che, Bau III:
West­por­tal (Umzeich­nung)
(Bild: Con­ant, Abb. 28)

 

 

 

 

 

 


 

 

Die Gebets­hal­tung

 

Die wesent­li­chen Merk­male der Figur sind die Ansicht im Pro­fil, ihre kni­ende und gebeugte Kör­per­hal­tung nach links sowie ihre zum Gebet erho­bene Hand. All­ge­mein wird ange­nom­men, dass sie ihrer heu­ti­gen Auf­stel­lung ent­spre­chend ver­ti­kal aus­ge­rich­tet war. Ver­gleichs­bei­spiele zu fin­den für eine sol­che unge­wöhn­li­che Hal­tung, bei der die Gestalt zurück­zu­fal­len droht, berei­tet jedoch Schwie­rig­kei­ten. Wel­che Hand­lung soll sie in wel­chem Kon­text aus­ge­führt haben? Grei­ner23 zog zunächst in Erwä­gung, dass der Dar­ge­stellte, den er auf Grund sei­ner äuße­ren Erschei­nung als Novi­zen inter­pre­tierte, eine spe­zi­elle Form der Ver­beu­gung mache, die, wie bereits erwähnt, in den Hirsauer Con­sti­tu­tio­nes beschrie­ben und dort mit „ante et retro“ bezeich­net wird.24 Bei die­ser Geste der Ehr­er­bie­tung bleibt der sich Ver­nei­gende aber ste­hen und beugt nicht die Knie, wie es die Hirsauer Figur unzwei­deu­tig tut. Ande­rer­seits wirkt ihre Gemüts­ver­fas­sung zu kon­zen­triert und medi­ta­tiv, als dass es sich um die Reak­tion auf ein über­wäl­ti­gen­des Ereig­nis – wie bei­spiels­weise die Him­mel­fahrt Christi – han­deln könnte, das die Gestalt rück­lings zu Boden zu wer­fen droht.

 

Betrach­tet man den Stein jedoch in hori­zon­ta­ler Lage Abb., so ähnelt die Hal­tung der Figur – wie Richard Stro­bel schon ange­merkt hat – einer Pro­sky­nese.25 Die­ser demü­tige Fuß­fall, der auch mit einem Fuß­kuss ein­her­ge­hen konnte, war nicht nur eine Form der Hul­di­gung und der Anbe­tung, son­dern auch ein Bekennt­nis der eige­nen Sünd­haf­tig­keit ver­bun­den mit der Bitte um Erbar­men und gött­li­che Gnade.26 In der christ­li­chen Kunst des Mit­tel­al­ters wurde die Pro­sky­nese vor allem von welt­li­chen Herr­schern, Kle­ri­kern und Engeln zu Füßen einer meist thro­nen­den Per­son – Chris­tus, Maria, Hei­li­ger – aus­ge­führt. Der Habi­tus der Hirsauer Gestalt mit der beten­den Hand lässt an das demü­tig bit­tende und hul­di­gende Nie­der­knien vor dem Herrn den­ken, wie es in der Bibel über­lie­fert ist27 und wie es in den Hirsauer Con­sti­tu­tio­nes gele­gent­lich für das Gebet ver­langt wird.28

 

10 Hagia Sophia ba

Istan­bul, Hagia Sophia: Mosaik über der Kai­ser­tür (Bild: Gebet­buch Ottos III., Tafel 6)
 

Eine frühe Dar­stel­lung ist das um 900 datierte Mosaik im Nart­hex29 der Hagia Sophia mit Kai­ser Leon VI., der zur Rech­ten des thro­nen­den Got­tes­soh­nes auf dem Boden kniet und sich erge­ben ver­beugt (oben). Die Kai­ser­paare Hein­rich II. und Kuni­gunde sowie Kon­rad II. und Gisela lie­ßen sich im 11. Jahr­hun­dert auf dem Bas­ler Ante­pen­dium30 bzw. im Gol­de­nen Evan­ge­li­en­buch Hein­richs III.31 in Pro­sky­nese vor dem Wel­t­en­herr­scher dar­stel­len.

 

12 St Ulrich Brunnen ba
St. Ulrich, ehe­ma­li­ges Clunia­zen­ser­prio­rat: Brun­nen­schale (Umzeich­nung) (Bild: Stey­rer, Tafel 1)
 

Auch Kle­ri­ker brach­ten durch den gebeug­ten Knie­fall oder eine ver­gleich­bar demü­tige Kör­per­hal­tung ihre Hul­di­gung einer von ihnen ver­ehr­ten Per­son ent­ge­gen: So kau­ert die Äbtis­sin Theo­phanu des Esse­ner Stifts auf dem Buch­ein­band ihres Evan­ge­li­ars32 aus dem zwei­ten Vier­tel des 11. Jahr­hun­derts zur Rech­ten der Got­tes­mut­ter, so liegt Abt Suger von St-Denis um die Mitte des 12. Jahr­hun­derts im Fens­ter mit der Ver­kün­di­gung33, das zum Zyklus der Kind­heit Christi in der „cha­pelle de la vierge“ gehört, auf den Knien vor Maria. Auch auf der Brun­nenschale34 des ehe­ma­li­gen Clunia­zen­ser­prio­rats St. Ulrich in Bollschweil/Baden-Württemberg aus dem frü­hen 12. Jahr­hun­dert kau­ern oder lie­gen vier Mön­che in Kut­ten mit zum Gebet erho­be­nen Hän­den zu Füßen zweier Thron­fi­gu­ren in einer Man­dorla Erkl. (oben). Auf der einen Seite ist es der Got­tes­sohn, der von den Evan­ge­lis­ten­sym­bo­len umge­ben ist, und auf der ande­ren Seite die Maria-Ecclesia, die von zwei Pro­phe­ten flan­kiert wird.

 

13 Fidenza ba
Fidenza, Dom San Don­nino: Schei­tel­fi­gu­ren des Haupt­por­tals (Bild: Auto­rin)
 

Hul­di­gende Engel, die den thro­nen­den Got­tes­sohn gebeugt anbe­ten, begeg­nen auf der Mai­län­der Elfen­bein­ta­fel mit Kai­ser Otto I., sei­ner Ehe­frau Adel­heid und dem Thron­fol­ger zu Füßen Christi35 und im Bogen­schei­tel des Haupt­por­tals am Dom zu Fidenza/Emilia-Romagna (oben).36 Am Haupt­por­tal von Cluny III Abb. wurde ver­mut­lich die Figur Gott­va­ters im Bogen­schei­tel von meh­re­ren Engeln ange­be­tet, die in der inners­ten von vier Archi­vol­ten abge­bil­det waren.37

 

In der roma­ni­schen Bau­plas­tik, zu der die Hirsauer Skulp­tur auf Grund ihrer Größe und ihrer sti­lis­ti­schen Merk­male zählt, kom­men Pros­ter­nie­rende vor dem Got­tes­sohn, Maria oder einem Hei­li­gen über­wie­gend am Tym­pa­non vor. Sel­ten ist es nur eine Per­son, die sich auf der lin­ken Seite – also zur Rech­ten – der gött­li­chen oder hei­li­gen Per­son befin­det, wie der betende Abt Suger, der 1140 im Tym­pa­non38 von St-Denis ganz klein vor dem über­mäch­ti­gen Wel­t­en­rich­ter kniet. Meist sind es zwei Gestal­ten, die mehr oder weni­ger gebeugt die Zen­tral­fi­gur in ihrer Mitte anbe­ten. So ver­nei­gen sich die bei­den Anbe­ten­den zu Sei­ten des thro­nen­den Chris­tus am Tym­pa­non der Stifts­kir­che St. Paul im La­vanttal/Kärnten39 (unten) oder die zwei Beter beid­seits des Kreu­zes am Tym­pa­non der alten Burg­ka­pelle von Büdin­gen/Hessen40 ähn­lich ehr­er­bie­tig, wie die Hirsauer Figur es in hori­zon­ta­ler Aus­rich­tung täte.

 

15 St Paul im Lavanttal ba
St. Paul im Lavant­tal, Klos­ter­kir­che: Tym­pa­non des West­por­tals (Bild: Bild­ar­chiv Foto Mar­burg)
 

Eine mög­li­cher­weise nicht nur for­male Vari­ante sind Bogen­fel­der mit auf­recht kni­en­den Betern, deren Kör­per­hal­tung einen weni­ger unter­wer­fen­den als hul­di­gen­den Cha­rak­ter hat. Hierzu zäh­len die Tym­pana von Alpirs­bach41 Abb. und St. Ilgen42 in Baden-Württemberg sowie St-Ursanne im schwei­ze­ri­schen Jura43, Mei­stratz­heim44 im Elsass und Laître-sous-Amance45 in Loth­rin­gen.

 

Die genann­ten Bei­spiele aus der Mosaik– und Gold­schmie­de­kunst, der Buch– und Glas­ma­le­rei sowie der Monu­men­tal­plas­tik zei­gen, dass häu­fig zwei Pros­ter­nie­rende oder Nie­der­kni­ende eine Thron­fi­gur flan­kie­ren, um ihre Anbe­tung und Ehr­er­bie­tung zum Aus­druck zu brin­gen. Ist nur eine ein­zelne hul­di­gende Per­son dar­ge­stellt – wie bei­spiels­weise Leon VI. oder Abt Suger –, so kommt diese – anders als die Hirsauer Figur – immer von links ins Bild. In Ana­lo­gie zu den Ver­gleichs­bei­spie­len kann man anneh­men, dass der Kni­ende von Hirsau nicht bezugs­los nach oben, son­dern zu Füßen eines viel­leicht thro­nen­den Got­tes­soh­nes betete, den auf der ande­ren Seite eine wei­tere Gestalt in glei­cher Kör­per­hal­tung flan­kierte. In die­sem Fall wäre der Hirsauer Beter waa­ge­recht ange­ord­net gewe­sen und das Frag­ment einer ehe­mals mehr­fi­gu­ri­gen Kom­po­si­tion.

 

Geht man von einer waa­ge­rech­ten Anord­nung der Skulp­tur sowie des anzu­neh­men­den Pen­dants aus und berück­sich­tigt ein Mit­tel­teil mit dem Got­tes­sohn, so käme für den Block (oder die Blö­cke) bei einer Breite von circa 3 m als ehe­ma­li­ger Anbrin­gungs­ort – wie oben bereits in Erwä­gung gezo­gen – in ers­ter Linie das Bogen­feld des ehe­ma­li­gen West­por­tals der Peter und Pauls-Kirche in Frage Abb..46

 


 

 

Die Klei­dung

 

Eine Inschrift, der die Iden­ti­tät des Beten­den zu ent­neh­men wäre, ist nicht vor­han­den. Somit kann ledig­lich der gesell­schaft­li­che Stand des Dar­ge­stell­ten mit Hilfe der Klei­dung dis­ku­tiert wer­den. Wie Karl Grei­ner schon fest­stellte, feh­len dem soge­nann­ten Mönch beim heu­ti­gen Zustand der Skulp­tur alle Zei­chen und Klei­dungs­stü­cke, die ihn als sol­chen kenn­zeich­nen wür­den: Ton­sur, Kapuze und Gür­tel.47 Er ver­mu­tete daher zunächst, dass es sich um einen Novi­zen han­deln könnte.48 Doch bei den Clunia­zen­sern erhiel­ten die Novi­zen schon mit Beginn der Pro­be­zeit eine Ton­sur und einen „froc­cus“, ein lan­ges Talar­ge­wand mit sehr wei­ten Ärmeln, an wel­ches eine Kapuze genäht wurde, sofern die Novi­zen gemein­sam mit den Mön­chen und nicht sepa­riert in eige­nen Zel­len leb­ten.49

 

Ver­gleicht man die Skulp­tur mit den Gestal­ten vom Eulen­turm, auf denen noch sehr viel mehr Details wie Ohren und Bart sowie Gür­tel und Stie­fel zu erken­nen sind, so wird deut­lich, dass der Erhal­tungs­zu­stand des Frag­ments zu berück­sich­ti­gen ist. Nicht aus­zu­schlie­ßen ist außer­dem, dass Klei­dungs­be­stand­teile wie Kapuze und Gür­tel eines Mönchs oder gar die Flü­gel eines Engels ursprüng­lich auf­ge­malt waren.

 

Im heu­ti­gen Zustand trägt die betende Figur kei­nes der sei­ner­zeit in Cluny und Hirsau gebräuch­li­chen Mönchs­klei­der, wie sie in der Buch­ma­le­rei50 oder in zeit­ge­nös­si­schen Tex­ten wie dem soge­nann­ten Lor­scher Spott­ge­dicht über die Hirsauer über­lie­fert sind51: weder die lange, ärmel­lose Ska­pu­lier­ku­kulle mit Kapuze noch einen „froc­cus“, das stoff­rei­che, lange Talar­ge­wand mit sehr wei­ten Ärmeln, das in Hirsau über der Ska­pu­lier­ku­kulle getra­gen wurde.52 Das an den Armen eng anlie­gende und am Rumpf geblähte Kleid, das nur unter­halb der Knie in Fal­ten liegt, könnte am ehes­ten als eine Albe53 – ein lit­ur­gi­sches (Unter)Gewand für den Dienst am Altar – ange­se­hen wer­den, das auch von Engeln getra­gen wird.54 In ver­gleich­ba­ren Gewän­dern sind die Trä­ger der Weih­rauch­fäs­ser bei der Weihe des Hoch­al­tars von Cluny 1095 durch Papst Urban II. im Chro­ni­con Clunia­cense von Saint-Martin-des-Champs (unten) abge­bil­det.55

 

21 Chronicon Cluniacense ba
Weihe des Hoch­al­tars von Cluny III im Chro­ni­con Clunia­cense.
Paris, Biblio­t­hèque Natio­nale, Ms. lat. 17716, fol. 91r (Bild: Con­ant, Fron­ti­spiz)
 

Doch auch andere der oben genann­ten Mönchs­dar­stel­lun­gen an Kir­chen las­sen keine ste­reo­type Klei­dung erken­nen: So trägt der Mönch am Tym­pa­non von Alpirs­bach56 Abb. ein boden­lan­ges Gewand mit Kapuze und mäßig wei­ten Ärmeln, aber kei­nen Gür­tel. Der bär­tige Abt am Tym­pa­non von St. Ilgen57 und der hei­lige Mönch von St-Ursanne58 sind beklei­det mit Gewän­dern, die in der Taille geschnürt sind, die aber keine Kapuze auf­wei­sen! Das stoff– und fal­ten­rei­che Kleid des Mönchs, der in St. Paul im Lavant­tal59 rechts zu Füßen des Erlö­sers kniet, hat eben­falls keine aus der Ferne zu erken­nende Kapuze Abb.. Und auch Abt Wil­helm von Hirsau60 ist im Rei­chen­ba­cher Schen­kungs­buch nicht in einer Mönchs­kutte, son­dern in Albe und Plu­viale, einem Fest­ge­wand für den Got­tes­dienst, dar­ge­stellt.

 


 

 

Stil

 

Die Aus­füh­rung unse­res Beters erin­nert zwar in eini­gen Details – den strei­fen­ar­ti­gen Haa­ren, den wulst­ge­rahm­ten Augen und dem drei­ecki­gen Gesicht – an die Gestal­ten vom Eulen­turm. Doch ist seine Ober­flä­che, die ver­mut­lich durch spä­tere Ein­flüsse beein­träch­tigt wurde, schlech­ter erhal­ten, auch sein Kör­per erscheint unför­mi­ger als der der Gestal­ten am Nord­turm und gleicht einer in Stein gear­bei­te­ten pri­mi­ti­ven Zeich­nung. Im Gegen­satz dazu tre­ten bei den Figu­ren vom Eulen­turm nicht nur die ein­zel­nen Glied­ma­ßen durch die Klei­dung deut­li­cher her­vor, auch die Köpfe, die Gewän­der und die Bewe­gungs­mo­tive sind detail­rei­cher aus­ge­führt: Augen und Mün­der sind durch kräf­tige Umran­dun­gen kon­tu­riert, große Ohren ste­hen in Höhe der Augen vom Kopf ab, und der Bart wird – wie das Haupt­haar – durch par­al­lel lie­gende Strei­fen ange­deu­tet. Ein Gür­tel, des­sen beide Enden in der Mitte her­un­ter­hän­gen, hält das knie­lange Gewand der Dar­ge­stell­ten, die knö­chel­hohe Stie­fel tra­gen. Die Kör­per­kon­tu­ren und –hal­tun­gen sind deut­lich zu erken­nen: Die Gestal­ten knien oder hocken, tra­gen Las­ten über ihrem Kopf, stüt­zen die Arme auf die Knie und heben die Hand schüt­zend über die Augen.

 

Auch die Hal­tung der Beten­den am Tym­pa­non der alten Burg­ka­pelle in Büdin­gen61, die zu Sei­ten des Kreu­zes knien, wirkt trotz der über­läng­ten Arme authen­ti­scher: Mit gera­dem Rücken und leicht vor­ge­beugt rich­ten die Gestal­ten mit ange­win­kel­ten Armen und zum Gebet erho­be­nen Hän­den den Blick auf das Kreuz zwi­schen ihnen. Die Gesichts­züge, die etwas bes­ser erhal­ten sind als bei der Hirsauer Figur, wir­ken ähn­lich archa­isch.

 

Neuwiller les Saverne ba
Neuwiller-lès-Saverne, ehem. Klos­ter­kir­che St-Pierre-et-St-Paul: Tym­pa­non des nörd­li­chen Quer­hauspor­tals
(Bild: Auto­rin)

 


 

 

Iko­no­gra­phie

 

Die wesent­lichs­ten Fra­gen zum Hirsauer „Mönch“ gel­ten wohl sei­ner Iden­ti­tät: Wer ist der Dar­ge­stellte? Lässt er sich benen­nen? Ist es mög­lich, nur anhand der Klei­dung Rück­schlüsse auf sei­nen gesell­schaft­li­chen Stand zu zie­hen? Han­delt es sich trotz feh­len­der Merk­male wie Ton­sur, Kapuze und Gür­tel viel­leicht doch um einen Mönch oder einen Novi­zen? Ist er stell­ver­tre­tend für den Kon­vent abge­bil­det? Wel­chen Sinn hatte die Pro­sky­nese?

 

Bei den oben genann­ten Objek­ten, die als for­male Ver­gleichs­bei­spiele her­an­ge­zo­gen wur­den, hat man die kni­en­den Beter als Grün­der und Wohl­tä­ter des Klos­ters oder des Gebäu­des sowie als Stif­ter oder Meis­ter des jewei­li­gen Objekts gedeu­tet: So wer­den in den vier anbe­ten­den Kut­ten­trä­gern auf der Brun­nen­schale von St. Ulrich (um 1110/20), die einst ver­mut­lich im Kreuz­gang des Prio­rats gestan­den hat, „die Meis­ter oder Stif­ter des Wer­kes“ gese­hen Abb..62 Ob die ver­meint­li­chen Auf­trag­ge­ber der unge­wöhn­lich gro­ßen Schale dem Kon­vent des Clunia­zen­ser­prio­rats, das um 1087 von dem aus Regens­burg stam­men­den Mönch Ulrich von Cluny von Grü­nin­gen ins Möhl­in­tal ver­legt wor­den war,63 ange­hört haben oder einer ande­ren Klos­ter­ge­mein­schaft, wird nicht erör­tert.

 

Die kni­en­den Assis­tenz­fi­gu­ren am Tym­pa­non von Alpirs­bach (um 1150), die mit einer Mönchs­kutte und dem Gewand einer Nonne oder einer ver­hei­ra­te­ten Frau beklei­det sind64 und zu Sei­ten Christi ihre Hände anbe­tend erho­ben haben, wer­den als der Klos­ter­grün­der Adal­bert von Zol­lern und des­sen Ehe­frau gedeu­tet, da Adal­bert, einer der drei Stif­ter des 1095 gegrün­de­ten Klos­ters, dem Kon­vent beige­tre­ten war Abb.. Da seine Nach­fah­ren, die Gra­fen von Zol­lern, zur Ent­ste­hungs­zeit des Tym­pa­nons Vögte des Klos­ters Alpirs­bach waren, wer­den sie als Auf­trag­ge­ber in Erwä­gung gezo­gen. Mit der Dar­stel­lung ihrer Vor­fah­ren und Klos­ter­grün­der über dem Kir­chen­por­tal könn­ten sie ihren Anspruch auf die Schutz­vog­tei zum Aus­druck gebracht65 oder ihren Vor­fah­ren ein Denk­mal gesetzt haben.66

 

Am Tym­pa­non der Pfarr­kir­che von Laître-sous-Amance67 in Loth­rin­gen (um 1140/50), einem ehe­ma­li­gen Prio­rat des Bene­dik­ti­ner­klos­ters St-Mihiel/Meuse68, knien – soweit die­ses in Anbe­tracht der schwer beschä­dig­ten Köpfe zu erken­nen ist – zwei Gestal­ten69, zwei bär­tige Män­ner70 oder ein Mann und eine Frau71 in waden­lan­gen, gegür­te­ten Gewän­dern und Umhän­gen mit zum Gebet erho­be­nen Hän­den hin­ter zwei ste­hen­den Engeln, die einen thro­nen­den Chris­tus im Zen­trum anbe­ten. Zwei wei­tere Figu­ren, laut Müller-Dietrich die Ehe­frauen der Kni­en­den, sit­zen über den Kämp­fern an der mitt­le­ren Archi­volte. In den Dar­ge­stell­ten am Tym­pa­non wer­den Stif­ter ver­mu­tet, deren Klei­dung, die sich nur gering­fü­gig von der der Engel unter­schei­det, als schlicht72 oder als osten­ta­ti­ver Aus­druck geho­be­ner Stan­des­zu­ge­hö­rig­keit inter­pre­tiert wird.73 In Erwä­gung gezo­gen wer­den Louis de Mont­bé­li­ard, der Ehe­mann von Sophie de Bar, die die Kir­che 1076 gegrün­det hatte, sowie Frédé­ric de Fer­rette, ein Nach­fahr von Sophie de Bar, der die Kir­che im 12. Jahr­hun­dert dem Klos­ter St-Mihiel über­ge­ben hat und ver­mut­lich erneu­ern ließ. Obwohl der Ehe­mann von Sophie de Bar in den über­lie­fer­ten Schrift­quel­len zur Kir­chen­grün­dung von Laître über­haupt nicht erwähnt wird,74 soll er mit sei­nem Nach­fah­ren oder sei­ner Ehe­frau im Tym­pa­non wie­der­ge­ge­ben sein. Hubert Col­lin gibt zu beden­ken, dass Stif­ter ver­mehrt am Ende des Mit­tel­al­ters auf den Monu­men­ten abge­bil­det wur­den.75

 

Zwei unglei­che bär­tige Knie­fi­gu­ren flan­kie­ren am Tym­pa­non der Ägi­di­us­kir­che von St. Ilgen76 (1180 / 90), einer ehe­ma­li­gen Propstei­kir­che des Klos­ters Sins­heim, den thro­nen­den Chris­tus im Zen­trum. Wäh­rend die rechte Gestalt mit Ton­sur, gegür­te­ter Tunika und einem Krumm­stab, den sie mit bei­den Hän­den umfasst, als Kle­ri­ker gekenn­zeich­net ist, scheint es sich bei der Lin­ken, die anbe­tend die Hände erho­ben hat und keine ent­spre­chen­den Merk­male auf­weist, um einen Laien zu han­deln. In der rech­ten Figur wird Abt Johan­nes gese­hen,77 in des­sen Amts­zeit (115870) das kleine Klos­ter erbaut wurde, oder der Kir­chen­pa­tron Ägi­dius – nach einer Legende der erste Abt des von ihm gegrün­de­ten Klos­ters Saint-Gilles in Südfrank­reich –, der Für­bitte beim Got­tes­sohn für die Gläu­bi­gen ein­legt und wegen der Wirk­sam­keit sei­ner Für­bit­ten beson­ders ver­ehrt wurde.78 Die linke Gestalt wird als geist­li­cher oder welt­li­cher Stif­ter des Klos­ters gedeu­tet, des­sen Name in den Quel­len jedoch nicht über­lie­fert ist,79 oder als reui­ger Büßer, der um Ver­ge­bung sei­ner Sün­den bit­tet.

 

In Büdin­gen soll es sich bei den bei­den kni­en­den Män­nern, die sich dem Kreuz im Zen­trum des Tym­pa­nons der Burg­ka­pelle (spä­tes 12. Jahr­hun­dert) anbe­tend zuwen­den, um Mön­che80 oder um die zu die­ser Zeit in Frage kom­men­den Bau­her­ren und Stif­ter der stau­fi­schen Was­ser­burg, Her­mann und Hart­mann von Büdin­gen,81 han­deln, deren Sohn und Neffe Ger­lach II. von Büdin­gen zu ihrem Geden­ken und ihrem See­len­heil das Tym­pa­non habe anfer­ti­gen las­sen, da sie angeb­lich vom Kreuz­zug Hein­richs VI. nicht zurück­ge­kehrt seien.82

 

Han­delt es sich in Ana­lo­gie zu die­sen Bei­spie­len dem­nach bei der Hirsauer Figur – unab­hän­gig von ihrem ehe­ma­li­gen Anbrin­gungs­ort – um ein Abbild des Hirsauer Klos­ter­grün­ders Erlafried, des Neu­grün­ders Adal­bert von Calw83 oder gar des Abtes Wil­helm von Hirsau84, dem eine wei­tere Gestalt zu Sei­ten Christi „gegen­über­stand“? Zieht man die über­lie­fer­ten Schrift­quel­len zur Inter­pre­ta­tion heran, ins­be­son­dere einen der bei­den Grün­dungs­be­richte im Codex Hirsau­gi­en­sis (fol. 2a/b), in dem „die Eigen­klos­ter­her­ren und in Son­der­heit Adal­bert von Calw selbst mit har­ten Wor­ten für den Nie­der­gang des Klos­ters ver­ant­wort­lich gemacht wer­den“85 und der von Her­mann Jakobs ins frühe 12. Jahr­hun­dert datiert wird,86 somit in die Zeit des Hirsauer Frag­ments, dann erscheint es kaum wahr­schein­lich, dass der amtie­rende Abt Bruno (11051120) dem umstrit­te­nen Klos­ter­neu­grün­der Adal­bert von Calw ein ehren­des Abbild am Kir­chen­ein­gang gewährt hat. Über die­sen Grün­dungs­be­richt hin­aus lässt der erhal­tene Bestand an Schrift­quel­len und Denk­mä­lern nach den Aus­füh­run­gen von Renate Neumüllers-Klauser dar­auf schlie­ßen, dass sich das Stif­ter­ge­den­ken in Hirsau in ers­ter Linie auf die Klos­ter­grün­dung bezog und nicht auf die welt­li­chen Stif­ter.87

 

Bei ande­ren der oben genann­ten Ver­gleichs­bei­spiele fin­den sich in der Lite­ra­tur ledig­lich Anga­ben zum gesell­schaft­li­chen Stand der Dar­ge­stell­ten oder zu ihrer Bezie­hung zum Objekt als Auf­trag­ge­ber der Skulp­tur oder Grün­der des Klos­ters. Es wur­den aber keine kon­kre­ten Namen der Dar­ge­stell­ten erwo­gen.

 

Am Tym­pa­non von Meistratz­heim/El­sass88 (frü­hes 13. Jahr­hun­dert) thro­nen Chris­tus und zwei Hei­lige – ein Bischof mit Buch und Stab sowie einer Schlange unter sei­nen Füßen und viel­leicht eine Frau, die die Hände anbe­tend erho­ben hat ­– unter einer drei­bo­gi­gen Blen­dar­ka­tur. Die Drei­er­gruppe wird flan­kiert von zwei beten­den Gestal­ten, die in den Zwi­ckeln des Bogen­fel­des knien. Diese tra­gen zwar keine Kutte, son­dern nur boden­lange Gewän­der, aber wegen ihrer ton­su­rier­ten Köpfe ist mit Joseph Foes­ser zu ver­mu­ten, dass es sich um zwei Mön­che han­delt,89 die von Robert Will als Stif­ter inter­pre­tiert wur­den.90

 

Zu Füßen des thro­nen­den und von zwei Engeln umge­be­nen Chris­tus am Tym­pa­non der Klos­ter­kir­che von St. Paul im Lavanttal/Kärnten91 (um 1210/20) kau­ern zwei anbe­tende Figu­ren, in denen der Klos­ter­pa­tron, der Apos­tel Pau­lus, und der Abt des Klos­ters ver­mu­tet wur­den Abb..92 Wäh­rend der Hei­lige zur Lin­ken Christi durch einen Hei­li­gen­schein gekenn­zeich­net ist, weist der ver­meint­li­che Abt auf der gegen­über­lie­gen­den Seite mit Ton­sur und einem gegür­te­ten Gewand mit flach auf­lie­gen­der Kapuze ledig­lich Merk­male eines Mönchs auf.

 

Eine ähn­lich erwei­terte Kom­po­si­tion fin­det sich am Tym­pa­non des nörd­li­chen Quer­hau­ses der ehe­ma­li­gen Klos­ter­kir­che St-Pierre-et-St-Paul in Neuwiller-lès-Saverne/Elsass93 (um 1250). Hier thront der seg­nende Chris­tus zwi­schen schwe­ben­den Engeln unter einer Drei­pas­sar­kade Abb.. In den Ecken des Bogen­fel­des ste­hen die Kir­chen­pa­trone Petrus und Pau­lus unter Arka­den. Rechts und links des Thro­nen­den – unter­halb der Engel – knien zwei anbe­tende Mön­che, die auch hier von Robert Will als Stif­ter gedeu­tet wur­den. Beide tra­gen eine Ton­sur, doch wäh­rend der Rechte mit einer ein­fa­chen Mönchs­kutte beklei­det ist, wirkt das Gewand des Lin­ken mit einer Knopf­leiste über der Brust kost­ba­rer. Eine Krümme im Hin­ter­grund, die die­ser mit sei­nen Hän­den zu umfas­sen scheint, lässt in ihm den Abt des Klos­ters ver­mu­ten.

 

23 La Charite sur Loire ba
La Charité-sur-Loire, ehem. Prio­rats­kir­che:Mari­en­tym­pa­non im nörd­li­chen West­turm (Bild: Auto­rin)

Abwei­chend von der gän­gi­gen Auf­fas­sung der kni­en­den oder pros­ter­nie­ren­den Bet­fi­gur als Stif­ter wur­den die Mön­che an dem um 1130 ent­stan­de­nen Mari­en­tym­pa­non von La Charité-sur-Loire/Nièvre gedeu­tet (oben).94 Auf dem Bogen­feld, das in der unte­ren Hälfte schwer beschä­digt ist, umge­ben zwei – ursprüng­lich viel­leicht auch vier95 – auf Knien betende Ordens­män­ner in Kut­ten eine Figu­ren­gruppe mit dem thro­nen­den Chris­tus in der Man­dorla, der sich der ste­hen­den Maria zu sei­ner Lin­ken zuwen­det. Auf der ande­ren Seite des Got­tes­soh­nes ste­hen zwei Engel, von denen der eine die Man­dorla und der andere einen Kreuz­stab hält. Wäh­rend der Mönch zu Füßen der Engel auf dem Boden zu knien scheint, schwebt offen­bar der gegen­über­lie­gende hin­ter der Got­tes­mut­ter. Die Dar­stellung wurde wegen ihrer unge­wöhn­li­chen Iko­no­gra­phie als Glo­ri­fi­ka­tion96, Krö­nung97, Auf­nahme98 oder Für­bitte99 der Mut­ter­got­tes inter­pre­tiert: Maria erwirkt die Seg­nung und die Auf­nahme des Ordens von Cluny oder des Prio­rats von La Cha­rité bei Chris­tus100 oder führt einen Mönchs­hei­li­gen vor den Thron Christi.101 Die beten­den Mön­che wur­den dabei nicht nur als Abbil­der kon­kre­ter Per­so­nen gedeu­tet, als Hugo von Cluny, Bischof Geoff­roy von Auxerre und Prior Ger­hard102, als ver­stor­bene Grün­der und amtie­ren­der Prior von La Cha­rité103 oder als Mönchs­heiliger104, son­dern auch als Reprä­sen­tan­ten des Ordens von Cluny105 oder der Mensch­heit106.

 

Tat­säch­lich las­sen ver­schie­dene Merk­male, die die genann­ten Ver­gleichs­bei­spiele gemein­sam haben, Zwei­fel daran auf­kom­men, dass es sich bei Bet­fi­gu­ren zwangs­läu­fig um die Grün­der des Klos­ters oder die Stif­ter des Werks han­deln muss. Bemer­kens­wert ist, dass keine der Gestal­ten nament­lich benannt ist – wie das in der Buch­ma­le­rei fast die Regel ist –, dass die Dar­ge­stell­ten kein Kir­chen­mo­dell oder ein ande­res Dedi­ka­ti­ons­ob­jekt in den Hän­den hal­ten – wie bei­spiels­weise Abt Hein­rich am West­por­tal der ehe­ma­li­gen Stifts­kir­che in Millstatt/Kärnten107 – und dass die Kut­ten– und/oder Ton­surträger über­wie­gend paar­weise abge­bil­det sind.

 

Am auf­fal­lends­ten ist, dass diese beten­den Mön­che nicht klein und unschein­bar auf­tre­ten, wie man das von einem demü­ti­gen Stif­ter erwar­ten würde, son­dern dass sie zusam­men und auf glei­cher Höhe mit Engeln begeg­nen, mit denen sie an einer feier­lichen Messe im Him­mel teil­zu­neh­men schei­nen, bei der die Engel wie Lit­ur­gen die Man­dorla mit dem thro­nen­den Chris­tus wie eine Hos­tie hal­ten – so in Alpirs­bach Abb. und La Charité-sur-Loire Abb. – oder dem Hohen­pries­ter Chris­tus hul­di­gend das Weih­rauch­fass schwen­ken – so in St. Paul im Lavant­tal Abb. und Neuwiller-lès-Saverne Abb.108. Gele­gent­lich neh­men die Mön­che sogar den Platz von Engeln ein, wenn sie wie bei der Anbe­tung der Maies­tas Domini im Gebet­buch Ottos III. (unten) die Man­dorla mit dem thro­nen­den Chris­tus tra­gen109 – so auf der Brun­nen­schale von St. Ulrich Abb..

 

25 sog Gebetbuch Ottos III ba Chris­tus in einer von Engeln gehal­te­nen Man­dorla im Gebet­buch Ottos III. Mün­chen, Baye­ri­sche Staats­bi­blio­thek, Clm 30111, fol. 21r
(Bild: Gebet­buch Ottos III., Abb. 9)

 

Gemein­sam mit dem Hirsauer Frag­ment ist dar­über hin­aus allen genann­ten Ver­gleichs­bei­spie­len – mit Aus­nahme des Tym­pa­nons von Büdin­gen –, dass sie von Kloster-, Prio­rats– oder Pfarr­kir­chen stam­men, die der bene­dik­ti­ni­schen Reform­be­we­gung des 11. und 12. Jahr­hun­derts ange­hör­ten: St. Ulrich und La Charité-sur-Loire waren Prio­rate von Cluny110; Alpirs­bach war durch das frut­tua­risch geprägte Reform­klos­ter St. Bla­sien gegrün­det wor­den und mit der Abtei durch eine Gebets­ver­brü­de­rung ver­bun­den geblie­ben111; Laître-sous-Amance war ein Prio­rat von St-Mihiel an der Maas in Loth­rin­gen, einem Reform­klos­ter, das in enger Ver­bin­dun­gen zu St-Vanne in Ver­dun stand und des­sen cluniazensisch-gorzische Gewohn­hei­ten über­nom­men hatte112; St. Ilgen war eine kleine Props­tei des Klos­ters Sins­heim, das der von Frut­tua­ria über­nom­me­nen Reform­be­we­gung von Sieg­burg ange­hörte113; die Pfarr­kir­che St. Andreas im elsäs­si­schen Meis­tratz­heim ist wahr­schein­lich von dem zwi­schen Eti­val und Seno­nes in den Voge­sen gele­ge­nen clunia­zen­si­schen Reform­klos­ter Moy­en­mou­tier114 erbaut wor­den, da die Abtei zur Bau­zeit der Kir­che im frü­hen 13. Jahr­hun­dert ver­mut­lich alleine das Patro­nat aus­übte und zehnt­be­rech­tigt war115; das Bene­dik­ti­ner­klos­ter St. Paul im Lavant­tal war auf Bit­ten sei­nes Stif­ters Engel­bert von Span­heim, eines Anhän­gers Papst Gre­gors VII., bei sei­ner Grün­dung 1091 durch Mön­che und den desi­gnier­ten Abt Wezilo aus Hirsau besie­delt wor­den116; das Bene­dik­ti­ner­klos­ter St-Pierre-et-St-Paul in Neuwiller-lès-Saverne im Elsass, das im 8. Jahr­hun­dert von dem Met­zer Bischof Sigis­bald (716742) gegrün­det wor­den war und bis ins 12. Jahr­hun­dert zum Bis­tum Metz gehörte, war ver­mut­lich um 1000 zunächst von Abt Main­hard aus Gorze und 1029 im Rah­men der frü­hen loth­rin­gi­schen Misch­ob­ser­vanz durch Abt Theo­de­rich refor­miert wor­den, den der Kir­chen­re­for­mer Poppo von Sta­blo ein­ge­setzt hatte.117

 


 

 

Funk­tion

 

Schließ­lich ist zu fra­gen nach der Funk­tion der anbe­ten­den Figu­ren an einem pro­mi­nen­ten Ort wie dem Kir­chen­ein­gang und der Inten­tion ihrer Auf­trag­ge­ber, bei denen es sich um den Grün­der des Klos­ters, den Stif­ter des Werks oder um den Abt als Ver­tre­ter des Kon­vents han­deln kann.

 

Tat­säch­lich war das Kir­chen­por­tal ein Ort, an dem nicht sel­ten der Grün­der des Klos­ters oder der Erbauer der Kir­chen gedacht wurde, was den Inschrif­ten bei­spiels­weise der Tym­pana von Egmond/Holland118 (unten) und Her­re­n­alb119 zu ent­neh­men ist. Beson­ders an die­ser expo­nier­ten Stelle konnte man die Für­bitte aller Kir­chen­be­su­cher erhof­fen.120 Viel­leicht galt die Abbil­dung eines welt­li­chen Grün­ders und das damit ein­her­ge­hende Geden­ken am Kir­chen­por­tal bei den clunia­zen­si­schen Reform­klös­tern sogar als Ersatz für ein reprä­sen­ta­ti­ves Grab in der Kir­che, da weder für Adal­bert von Calw121noch für Adal­bert von Zol­lern122 über­lie­fert ist, wo sie bestat­tet wur­den. Denn ein ehren­vol­les Hoch­grab in der Mitte der Peter und Pauls-Kirche – „in medio eccle­siae“ – hatte kein welt­li­cher Stif­ter, son­dern Abt Wil­helm 1091 erhal­ten, wie die „Vita Wil­helmi“ berich­tet, des­sen Inschrift ihn als Abt und ers­ten Grün­der – „pri­mus fun­da­tor“ – des Klos­ters Hirsau bezeich­nete.123

 

24 Egmond ba
Ams­ter­dam, Rijks­mu­seum: Tym­pa­non der Klos­ter­kir­che von Egmond (Bild: Lig­ten­berg, Tafel 1)

 

Die Klei­dung der zum Ver­gleich her­an­ge­zo­ge­nen Dar­ge­stell­ten in Mönchs­kut­ten – wie in St. Ulrich Abb., Alpirs­bach Abb., St. Paul im Lavant­tal Abb. und Neuwiller-lès-Saverne Abb. – ließ jedoch Zwei­fel auf­kom­men, ob es sich immer um die Grün­der oder Stif­ter oder aber um Mön­che als Ver­tre­ter der refor­mier­ten Ordens­ge­mein­schaft han­delte. Aller­dings sind ab der Mitte des 11. Jahr­hun­dert nicht wenige Klos­ter­grün­der und Wohl­tä­ter in den begüns­tig­ten Kon­vent ein­ge­tre­ten – neben Adal­bert von Calw in Hirsau und Adal­bert von Zol­lern in Alpirs­bach auch Hezelo in St. Geor­gen124 –, um als Mönch geklei­det oder auf dem Fried­hof des Klos­ters bestat­tet den himm­li­schen Lohn zu erlan­gen.125

 

Denn zu den Haupt­auf­ga­ben von Reform­klös­tern cluniazensisch-hirsauer Prä­gung gehörte neben der strik­ten Befol­gung der Bene­diktsre­gel, dem andau­ern­den Got­tes­lob und der Mess­feier das lit­ur­gi­sche Geden­ken an die Ver­stor­be­nen in Ver­bin­dung mit der Armen­für­sorge.126 Schen­kun­gen an das Klos­ter, bei denen es sich über­wie­gend um Grund­be­sitz, Wohn-, Öko­no­mie– und Sakral­ge­bäude han­delte127, ermög­lich­ten nicht nur den Ein­trag in das Ver­brü­de­rungs­buch – den „liber vitae“ – und das damit ver­bun­dene Geden­ken an den Stif­ter über des­sen Tod hin­aus, son­dern auch die Abtra­gung von Sün­den­schuld durch die Gabe von Almo­sen an die Armen. Da der Wohl­stand von Klös­tern ver­mehrt auf sol­chen Schen­kun­gen „ad sepul­turam“ von Laien basierte, denen als Gegen­leis­tung Für­bit­ten der Mönchs­ge­mein­schaft für ihr See­len­heil ver­spro­chen wur­den, wer­den die Klös­ter sehr daran inter­es­siert gewe­sen sein, neue Stif­tun­gen zu erhal­ten.128

 

Mög­lich­kei­ten, nach außen hin die fromme, ent­halt­same Lebens­weise und das engel­glei­che Leben129 der Kon­vente als Vor­aus­set­zung und Gewähr­leis­tung der beson­de­ren Wirk­sam­keit ihrer Für­bit­ten zu demons­trie­ren, waren die Ver­brei­tung von wun­der­ba­ren Ereig­nis­sen und Legen­den, die auf die Für­bit­ten clunia­zen­si­scher Mön­che zurück­zu­füh­ren waren,130 sowie die Dar­stel­lung von demü­tig beten­den und sich unter­wer­fen­den Mön­chen am Kir­chen­ein­gang – bei denen es sich auch um die Grün­der oder Stif­ter des Klos­ters han­deln kann –, die zusam­men mit Engeln oder an deren Stelle der ewi­gen Anbe­tung und Anschau­ung des Erlö­sers im Jen­seits teil­haf­tig waren.131

 

Als Pro­pa­ganda ange­se­hen wer­den kön­nen zudem rüh­mende Berichte über Cluny wie der von Rodul­fus Gla­ber (985 bis um 1047), der in sei­nen „his­to­riae“132 einen legen­dä­ren, in Afrika leben­den Ere­mi­ten sagen lässt, dass „vor allen Klös­tern des römi­schen Erd­krei­ses Cluny her­aus­ra­gend die See­len von dämo­ni­scher Beherr­schung zu befreien [ver­mag]. So oft wird dort das Mess­op­fer dar­ge­bracht, dass kein Tag ver­geht, an dem nicht solch hei­li­ger Han­del See­len aus der Gewalt der bösen Geis­ter ent­reiße“.133 Und tat­säch­lich, so fährt Gla­ber fort, hätte er selbst gese­hen, dass es in jenem Klos­ter üblich sei, wegen der vie­len Brü­der vom Son­nen­auf­gang bis zum Abend­es­sen kon­ti­nu­ier­lich die Messe zu fei­ern. Die Mess­fei­ern seien so ange­mes­sen, rein und ehr­er­bie­tig aus­ge­führt wor­den, dass man sie eher für eine Dar­bie­tung von Engeln denn von Men­schen gehal­ten hätte – „magis ange­lica quam humana exi­bi­tio puta­ba­tur“. Petrus Venera­bi­lis (Abt von Cluny 11221156) über­bot diese Aus­sage noch, wenn er resü­mierte, dass das Klos­ter Cluny wegen sei­ner Fröm­mig­keit, sei­ner stren­gen Dis­zi­plin, der Anzahl der Mön­che und der Ein­hal­tung aller mo­nas­tischen Regeln die bei­nahe in der gan­zen Welt bekann­teste, ein­zig­ar­tige und all­ge­meine Zufluchts­stätte der Sün­der – „refu­gium pec­ca­torum“ – sei.134

 

Schon Adal­bert von Calw hatte nach den Anga­ben im soge­nann­ten Hirsauer For­mu­lar (DH IV 280) von 1075 Klos­ter Hirsau nicht nur für die Hoff­nung und den Lohn des ewi­gen Lebens, die ewige Ruhe der See­len und für das täg­li­che Geden­ken an sich und seine Fami­lie, son­dern auch zur Ver­ge­bung aller Sün­der – „ob remis­sio­nem omnium pec­ca­torum“ – wie­der­her­stel­len las­sen.135

 

Der Kon­vent von Hirsau war offen­bar auch in der Öffent­lich­keit darum bemüht, durch from­mes und streng­gläu­bi­ges Auf­tre­ten die Men­schen für sich zu gewin­nen, was dem im frü­hen 12. Jahr­hun­dert in sati­ri­schen Ver­sen ver­fass­ten Brief Lor­scher Mön­che an Hein­rich V. zu ent­neh­men ist,136 in dem diese sich aus­führ­lich über das fröm­melnde Geba­ren der Hirsauer bekla­gen: „So wür­den die Hirsauer die­je­ni­gen, von denen sie glau­ben, dass sie ihre Anhän­ger seien, unter­wür­fig begrü­ßen mit den Wor­ten: Gnade und Friede seien mit Euch, seg­net und ver­traut uns, tau­send­mal betet unsere Schar das Vater Unser für euch. Hun­dert­mal wür­den sie, auf die Knie fal­lend, mit den Bär­ten den Fuß­bo­den fegen, damit das wan­kel­mü­tige Volk sie für Die­ner des Herrn hal­ten solle“.137

 

Dass die Hirsauer Mön­che sich selbst nach dem Vor­bild der Klos­ter­pa­trone Petrus und Pau­lus sowie der Engel als Die­ner Christi gese­hen haben,138 geht aus einem ver­mut­lich von Hirsauer Mön­chen unter dem Namen Urbans II. gefälsch­ten Papst­pri­vi­leg aus der Mitte des 12. Jahr­hun­derts her­vor, in dem die Klös­ter der Hirsauer Kon­gre­ga­tion als „habi­ta­cula ser­vo­rum Christi“ bezeich­net wer­den.139

 

Ein ähn­li­ches Selbst­ver­ständ­nis der cluniazensisch-hirsauischen Kon­gre­ga­tion kommt auch in der nicht mehr erhal­te­nen Inschrift an der Brun­nen­schale von St. Ulrich Abb. zum Aus­druck, die – je nach Les­art – besagt, dass der von Gott erfüllte (Benediktiner)Orden wie die Apos­tel der Welt durch das Wort den Glau­ben ver­künde: ORDO DEO PLE­NVS MVNDO CLA­MAT DVO­DENVS QVOD VERBO FIDEM […].140 Hier wer­den die Mön­che, die auf der Brun­nen­wand unter dem thro­nen­den Got­tes­sohn und der Mut­ter­got­tes abge­bil­det sind, mit den Apos­teln gleich­ge­setzt, in deren Nach­folge sie ein brü­der­li­ches und regeltreues Leben in Armut füh­ren und der Welt das Wort Got­tes ver­kün­den.141

 


 

 

Schluss­be­trach­tung

 

Der Ver­gleich des Hirsauer Frag­ments mit ande­ren monu­men­ta­len Skulp­tu­ren des 12. und 13. Jahr­hun­derts lässt anneh­men, dass es ursprüng­lich waa­ge­recht ange­ord­net und Teil einer mehr­fi­gu­ri­gen Kom­po­si­tion war. Diese bestand ver­mut­lich aus einer zen­tra­len Gestalt, die beid­seits von zwei gebeug­ten Knie­fi­gu­ren – von denen die Rechte als Hirsauer Frag­ment erhal­ten blieb – flan­kiert wurde. Als ursprüng­li­cher Anbrin­gungs­ort ist das ehe­ma­lige Bogen­feld des West­por­tals der Hirsauer Klos­ter­kir­che St. Peter und Paul in Erwä­gung zu zie­hen.

 

Ob es sich bei der abge­bil­de­ten Per­son in Ana­lo­gie zu ver­gleich­ba­ren Dar­stel­lun­gen um den ers­ten Grün­der von Klos­ter Hirsau Erlafried oder den Neu­grün­der Adal­bert von Calw, um Abt Wil­helm oder einen Mönch als Ver­tre­ter des Kon­vents han­delt, ließ sich man­gels Inschrif­ten oder sons­ti­ger Text­quel­len nicht klä­ren. Unab­hän­gig davon, ob es sich bei der zum Gebet gebeug­ten Knie­fi­gur um einen Stif­ter han­delt, der am Kir­chen­por­tal im Bild ver­ge­gen­wär­tigt wurde und der in der ewi­gen Anschau­ung Christi den ersehn­ten himm­li­schen Lohn erhal­ten hatte, oder um einen Mönch, des­sen demü­tige und engels­glei­che Gebets­weise die beson­dere Wirk­sam­keit der Für­bit­ten des Kon­vents für die Ver­stor­be­nen in Aus­sicht stellte, dürfte die Dar­stel­lung ver­trau­ens­bil­dend auf die Gläu­bi­gen gewirkt und ihnen als Anreiz gedient haben, Zuflucht bei den Hirsauer Mön­chen zu suchen und das Klos­ter bei sei­nen kari­ta­ti­ven Auf­ga­ben zu unter­stüt­zen, um so die Gewin­nung ihres See­len­heils nach dem Tode zu sichern.

 


 

 

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